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Okay, aber was schreibe ich da eigentlich?

info0418309
18. Mai
3 Min. Lesezeit

Man sollte meinen, dass jemand, der so lange schreibt wie ich, längst verstanden hat, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen. Schön wär's! Wenn ich zurückblicke und mir meine Kindheit in Erinnerung rufe, sehe ich diese Momente noch glasklar vor mir, in denen ich meine Liebe zum Schreiben entdecke. Ich besaß keine Schreibmaschine und der Computer war nur zu bestimmten Zeiten zugänglich (die nur bedingt mit der eigenen Inspiration korrelierten). Deswegen bannte ich meine Ideen mit einem Füllfederhalter auf kariertes Papier, wobei die Zeilen so dicht zusammenstanden, dass ich sie am Ende selbst kaum noch entziffern konnte, weil ich kein Papier verschwenden wollte und der Strom der Worte einfach nicht aufhörte. Damals war alles reines Ausprobieren, ein wildes Herumexperimentieren, um das Chaos in meinem Kopf irgendwie greifbar zu machen.


Dass ich Fantasy schreibe, war mir von der ersten Begegnung mit dem Genre an klar. Doch welche Art der Fantasy genau? Das blieb lange ein Rätsel. Heute weiß ich natürlich, dass mich die Dark und Grimdark Fantasy extrem geprägt haben. »The First Law« von Joe Abercrombie oder auch die Witcher-Reihe von Andrej Sapkowski gehören bis heute zu meinen Lieblingsreihen. Gleichzeitig sind die Epic und High Fantasy wesentliche Bestandteile meines persönlichen Genre-Mixes – immerhin bin ich wie viele mit der Verfilmung der Herr der Ringe-Bücher groß geworden und bin seitdem bestimmt tausend Mal in die Welt von Mittelerde abgetaucht (Ich gehöre zu diesen schrägen Vögeln, die selbst das Silmarillion genießen können). 


Aber keines dieser Subgenre trifft den Nagel jedoch so richtig auf den Kopf. Mir fiel es deshalb immer leichter, meine Bücher in Emotionen zu kategorisieren. Schon 2014, als ich Lost City Boys schrieb, spürte ich, dass eine gewisse Melancholie und Schwermut untrennbar mit meiner Arbeit verbunden sind. 


Die Welt beginnt mit einem emotionalen Kern


Was ich damit meine? Der klassische Weltenbau ist nicht meine größte Stärke. Darin werde ich es nie zu der Meisterschaft bringen, die Brandon Sanderson in Stormlight Archive demonstiert, auch wenn ich mir durchaus Mühe gebe, ihm nachzueifern. Seine Bücher treffen nicht zwingend meinen Geschmack, aber seine Vielfalt und Tiefe ist doch beeindruckend.


Natürlich habe ich eine Vision, wenn ich beginne. Aber auch hier beginne ich selten mit einem System, sondern mit einem emotionalen Kern. Ich weiß, welches Gefühl die Welt auslösen soll und welche Elemente unserer Realität diese Atmosphäre in mir – und hoffentlich später im Lesenden – hervorrufen könnten. Ich spiele mit diesen Fragmenten, setze sie neu zusammen, feile und schreibe, bis das Bild stimmig ist.


Doch mein wahrer Ankerpunkt ist immer die Figur: ihre Entwicklung, der psychologische Kern, die menschliche (oder übernatürliche) Seele. Es bereitet mir die größte Freude, ein Wesen zu entwerfen – sei es ein Mensch, ein Elf, ein Ork oder etwas völlig anderes – und zu ergründen, welche Hürden es überwinden kann. Damit fängt bei mir alles an.


Wie man sein Schreiben nicht auf den Punkt bringt


Jetzt, da ich an der Schwelle stehe, meine Schreiberei ernster zu verfolgen als jemals zuvor, mache ich mir viele Gedanken. Zu sagen: „Meine Figuren bestimmen meine Fantasy“, ist leider kein besonders gelungener Marketing-Pitch. In einer Welt, in der jährlich zehntausende Bücher erscheinen, ist Marketing jedoch essenziell. Wie soll man sonst im Gedächtnis bleiben?

Zumal ich mich oft zwischen den Stühlen fühle. Ich passe weder in die High-Fantasy-Schublade eines Brandon Sanderson noch in die Welt der Romantasy, in der Sarah J. Maas oder Rebecca Yarros thronen. Diese Autorinnen und Autoren stehen zu Recht an der Spitze ihrer Subgenres, aber ich muss mir wohl meine eigene Nische erschließen.


Klares Denken ist eine Fähigkeit, die erlernt werden will


Mir darüber klarzuwerden, hat mehr Zeit in anspruch genommen, als mir persönlich lieb ist. Tatsächlich habe ich erst drei Jahre nach der Veröffentlichung von Die Chronik der Herzlosen wirklich begriffen, was das Kernthema dieses Buches ist: Verzweiflung. Es geht um die Taten, zu denen uns die pure Hoffnungslosigkeit antreibt.


Diese Erkenntnis war unglaublich erleichternd. Während des Schreibens habe ich unbewusst gewusst, worum es geht – sonst hätte ich die düsteren Abgründe und die Gewalt in den Geschichten nicht so eingefangen –, aber mir fehlten die Worte, um es auf den Punkt zu bringen. Ich brauchte wohl einfach die Zeit, um meine Gedanken schärfer zu formulieren.


Das Ergebnis? Ich habe nun nicht nur einen klareren Pitch, sondern weiß auch, wie ich den zweiten Teil, Die Legende der Herzlosen, angehen muss. Der Plot steht bereits (natürlich in meiner geliebten Sieben-Punkt-Struktur), doch nun habe ich auch den emotionalen Gegenpol gefunden. Kurzum: Es geht um Selbstermächtigung. Ich möchte meine Figuren erleben lassen, dass es ein Leben jenseits der Ausweglosigkeit gibt – und dass man sich Handlungsspielräume erschließen kann, die nicht aus der Not geboren sind.


Damit ist die Sache natürlich noch lange nicht erledigt, aber es gibt mir mehr Gewissheit bei dem Versuch, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn ihr mich auf dieser Reise begleiten wollt, schaut öfter mal vorbei. Ich werde mich bemühen, euch künftig mehr Einblicke in meine Arbeit zu geben. 

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